Eine Welt zwischen Überfluss und absolutem Mangel – Teil 2

Wie die Lebensmittelverschwendung mit dem Hunger zusammenhängt

Dies ist Teil 2 unserer 6-teiligen Serie zum Thema Lebensmittelverschwendung. Die Serie soll Aufschluss über den Überkonsum der Industrieländer und dem Leid vieler Menschen in Entwicklungsländern geben.

Ihr habt den ersten Teil verpasst? Hier könnt ihr ihn nachlesen.

In diesem Artikel wird anhand des deutschen bzw. europäischen Exports von Fleisch und Milch nach Afrika eine Verbindung zwischen unserem Überfluss in Europa und der Verarmung vieler Bauern in Entwicklungsländern aufgezeigt.

Anbau/Landwirtschaft

Dumpingpreise für europäische Produkte in Afrika

Europa produziert zu viele Lebensmittel – jedenfalls zu viele, um sie selbst zu verbrauchen. Eine beträchtliche Menge ist bereits bei der Produktion für das Ausland bestimmt, aber ein anderer Teil – vor allem die Reste, die sich hierzulande schlechter verkaufen lassen, werden für Dumpingpreise (Preise unter dem Weltmarktpreis) in Entwicklungsländer verschifft, insbesondere nach Afrika. Teilweise werden diese Länder regelrecht mit billigen Lebensmitteln überschwemmt – niedrige Importzölle machen es möglich. Dabei werden ganze Existenzen in Afrika zerstört, denn vor allem Kleinbauern können nicht mit den niedrigen Preisen aus Europa mithalten. Doch wieso lassen afrikanische Staaten die Einfuhr solcher Produkte überhaupt zu? Und wieso lohnt sich für europäische „Reste-Produkte“ der Transport ins Ausland überhaupt, wenn er dort teilweise extrem günstig verkauft wird?

Die Antwort auf die letzte Frage heißt: Subventionen. Die Überproduktion zahlt die europäische Union – selbst der Export wird mittels Steuergeschenken in Zusammenhang mit Benzin und sehr niedrigen Einfuhrzöllen finanziert. Holland beispielsweise benötigt nur 10% seines angebauten Gemüses selbst – der Rest wird exportiert. Aufgrund von Subventionen und extrem effizienter Produktionsprozesse ist der Anbau sehr kostengünstig, was dazu führt, dass einheimische Bauern in Entwicklungsländern mit der Exportware nicht mehr konkurrieren und ihre Ware nicht mehr verkaufen können.

Die senegalesische Bauernvereinigung wirft bspw. der Weltbank, den Welthandelsorganisationen und dem internationalen Währungsfonds (IWF) vor, die armen Länder am ausgestreckten Arm verhungern zu lassen, denn sie setzen die Entwicklungsländer so lange unter Druck, bis sie ihre Importzölle niedrig halten. Viele Bauern in Senegal haben ihr Land bereits verlassen, denn die Globalisierung und die Supermächte haben ihre Existenzen zerstört. 2009 waren – laut einer UN-Studie – die Dumpingpreise der Industrieländer für ihre Produkte, die sie in die Märkte der Entwicklungsländer drücken, Hauptursache für den Hunger. Auch wenn es heute mehr kriegerische Konflikte gibt, die einen Großteil des Hungers verursachen, ist das Problem der Dumpingpreise noch lange nicht aus der Welt.

Am Beispiel von Fleisch und Milch werden nachfolgend die Zusammenhänge zwischen unserer Überproduktion und der Verstärkung der Armut in Entwicklungsländern aufgezeigt:

Beispiel Fleischproduktion:

Neben 82 Millionen Menschen leben in Deutschland gleichzeitig u.a. ca. 27 Millionen Schweine, 13 Millionen Rinder sowie 50 Millionen Hühner, Broiler und Puten. 750 Millionen Tiere – davon alleine 628 Millionen Hühner – werden jedes Jahr in Deutschland geschlachtet.

Der Durchschnittsdeutsche isst jährlich ca. 60 kg Fleisch. Dafür, sowie für den Export, mästet Deutschland jährlich ca. 59 Millionen Schweine – 20 Millionen davon werden weggeworfen. 10%, also knapp 6 Millionen Schweine, überleben die Mast-Bedingungen nicht, der Rest wird schlichtweg nicht verkauft oder im Restaurant bzw. zu Hause weggeworfen. Weh tut das nicht, denn Fleisch ist billig.

Heutzutage kann kein Mastbetrieb ohne Subventionen überleben. Sinken die Verkaufspreise, steigen die Subventionen – dieser Teufelskreis führt dazu, dass die Verkaufspreise mit der Realität nichts mehr zu tun haben, also mit der Ermittlung der Preise aufgrund der entstandenen (Produktions-)kosten. Stattdessen bauen Fleischproduzenten dort große Ställe, wo es die höchsten Fördersummen gibt, und sie müssen extrem effizient wirtschaften, um überhaupt einen Profit erwirtschaften zu können. Da das außereuropäische Ausland ähnliche – wenn nicht noch dramatischere – Mast-Bedingungen mit noch höheren Zahlen an getöteten Tieren pro Tag aufweist, muss ein EU-Stall mindestens 1000 Plätze für Sauen für die Ferkelproduktion und 8000 Mastplätze besitzen. Der Gewinn pro Schwein liegt zwischen 5 und 10 € bei einem Schweineleben von ca. 120 Tagen. Auch aus diesem Grund ist die Landwirtschaft in den letzten 10 Jahren um ca. 56% gesunken – immer größere Betriebe teilen sich die Zucht auf, die kleineren mussten schließen.

Hühner-Massenzucht in Indonesien – die Hühner hier sehen zwar Tageslicht, Bewegung bekommen sie aber nicht.

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Die EU vergibt für die Fleischproduktion jährlich ca. 1,8 Milliarden Euro an direkten und indirekten Subventionen und unterstützt somit aktiv, dass die Tiere auf engstem Raum gehalten werden. 340 € fließen pro Jahr pro Hektar an einen Bauern. Für EU Futterflächen für die industrielle Massentierhaltung summieren sich so 950 Millionen Euro auf. Mit 100 Mio. Euro werden Stallbauten und Kühlanlagen subventioniert. Weitere 500 Mio. € werden als finanzielle Vorteile für die Züchter gezahlt, das bedeutet, dass sie bspw. ihre importierten Futtermittel nicht versteuern müssen. Biogasanlagen, die gerne neben einem Schweinebetrieb gebaut werden, werden mit weiteren 200 Millionen Euro unterstützt. Diese Praktiken führen zu Supermarktpreisen von unter 3 Euro für 500g Fleisch. Eine Studie hat jedoch herausgefunden, dass jeder Bundesbürger – ob Fleischesser oder nicht – pro Kilogramm produziertem Fleisch 1 Euro zahlen muss – über Steuern und die Folgen der Umweltverschmutzung.

Doch nicht nur in der Schweineproduktion, auch in der Hühnerproduktion produzieren Deutschland und die EU weit mehr als benötigt wird. Die Deutschen essen vor allem die zarte, fettarme Hühnerbrust. Flügel, Hals, Rücken, Schenkel und Krallen bleiben übrig. Doch um sie nicht wegwerfen zu müssen, was den Gewinn schmälert und noch dazu Abfallkosten produziert, werden die übriggebliebenen Körperteile nach Afrika transportiert. So hat der Kongo im Jahr 2007 23.800 Tonnen Geflügel importiert – 39% seines Gesamtmarktes. Togo kam immerhin auf 8.400 Tonnen pro Jahr, was einem Anteil von 34% des Gesamtmarktes entspricht. In Benin kostet das Geflügel 1,40 Euro, heimische Bauern mussten aber mindestens 2,10 Euro verlangen, um ihre Kosten decken zu können und wenigstens einen kleinen Gewinn mit nach Hause nehmen zu können. Wird heimisches Geflügel nicht verkauft, leidet nicht nur der Züchter selbst: Insgesamt sind 5 Arbeitsplätze an seine Arbeit gekoppelt – Bauer, Futterhersteller, Schlachter, Rupfer und Verkäufer auf dem Markt werden pro Tonne Hühnerfleisch benötigt.

2004 gingen durch die 24.000 Tonnen Hühnerfleisch, die nach Kamerun importiert wurden, 120.000 Arbeitsplätze verloren. Damit wurde über zwei Drittel des Bedarfs gedeckt. Das Geflügel wird tiefgefroren nach Afrika geschickt, doch schon ab dem Hafen wird die Kühlkette unterbrochen. Bis die Ware dann tatsächlich auf dem Markt verkauft wird, haben sich längst gefährliche, gesundheitsschädliche Bakterien gebildet, die die Menschen krank machen. Als Reaktion darauf wurde in Kamerun eine groß angelegte Aufklärungskampagne gestartet, die dazu führte, dass die kamerunische Regierung Importverbote verhängte. Ghana wollte sich ein Beispiel an Kamerun nehmen, doch parallel liefen Verhandlungen mit dem IWF und der Weltbank (mit Stimmen der EU) um neue Kredite. Die Nichtumsetzung der Zollerhöhung wurde zur Bedingung für den Kredit – das Importverbot scheiterte.

Stimmen, die für die Einfuhr von Billigfleisch in Entwicklungsländer plädieren, argumentieren, dass so auch arme Menschen Zugang zu Fleisch hätten. Tatsächlich sind aber die Preise in Ghana, Sierra Leone und Liberia, nachdem der heimische Markt zerstört worden war, massiv gestiegen. Hühnerkrallen wurden bspw. für 2,40 € pro kg verkauft, eingeführt wurden sie allerdings zu 0,40 €/kg.

Doch nicht nur Afrika leidet unter der Fleischproduktion in Europa, auch in den Ländern der Futtermittelhersteller wächst die Armut. Deutsches Geflügel wird mit Soja gefüttert – Soja aus Brasilien und Argentinien ist am billigsten. Die Folgen des Imports sind jedoch verheerend: Regenwald wird für neue Anbauflächen zerstört, was dazu führt, dass kleinbäuerliche Familien verdrängt werden, Landkonflikte entstehen, und Bauern ihre eigenen Grundnahrungsmittel nicht mehr anbauen können. Sie müssen ihr Land aufgeben und ihr Glück in den überfüllten Städten suchen. Der Profit geht – wie immer – an wenige große Konzerne, auf Kosten unzähliger armer Menschen und der Natur.

Beispiel Milchproduktion:

Eine europäische Kuh gibt pro Tag im Schnitt 30 Liter Milch, eine afrikanische Kuh schafft maximal 6 bis 7 Liter pro Tag, in der Trockenzeit sind es oft sogar nur 2 Liter täglich. Ein EU-Bauer hat etwa 2.000 Milchkühe im Stall stehen, afrikanische Bauern besitzen in der Regel 5 bis 20 Kühe. Die EU subventioniert Milch-Bauern mit ca. 1,6 Milliarden Euro für die Milchproduktion, auch, um aus den Überschüssen Milchpulver herzustellen. Das Subventionssystem sieht hier ähnlich aus, wie bei der Fleischproduktion: Ein afrikanischer Bauer (ca. 85% der Bevölkerung lebt von der Landwirtschaft) erhält überhaupt keine Subventionen. Diese Ungleichheiten führen dazu, dass allein Deutschland 800 Millionen Liter Milch pro Jahr herstellen kann – so viel, um einmal die Hamburger Binnenalster zu füllen. Überschüsse werden zu Trockenmilch verarbeitet und weltweit exportiert, u.a. auch nach Burkina Faso: 1.100 Tonnen importiertes Milchpulver im Jahr decken den kompletten Markt ab. Die Einfuhrzölle von 5% sind aufgrund guter Verhandlungen zwischen den Regierungen extrem günstig. Da die Kosten der Milchpulverproduktion längst mit dem Verkauf der frischen Milch sowie mit Subventionen abgedeckt wurden, kann die exportierte Milch extrem günstig angeboten werden. Trotz Transport von Europa nach Afrika kostet Milchpulver, mit dem 1 Liter Milch angerührt werden kann, ca. 0,30 Euro, so billig wie nirgends in Europa. Diese Preise führen dazu, dass die heimische Milch wesentlich schlechter verkauft wird. Denn nicht nur in Deutschland, auch in Afrika greifen die Konsumenten gerne zu den günstigeren Lebensmitteln und fragen nicht, wo sie herkommen oder unter welchen Bedingungen sie hergestellt worden sind, wem sie nutzen und wem sie schaden – mit dem Unterschied, dass wir uns in Deutschland die faireren Produkte in der Regel noch viel eher leisten können als die Konsumenten in Afrika.

In Teil 3 unserer Serie blicken wir auf das Thema Lagerung und Ernte. Ein großer Anteil landwirtschaftlicher Produkte verkommt noch auf dem Feld bzw. wird aufgrund „falscher“ Farbe, Größe oder Form einfach aussortiert oder verdirbt nur, weil sie falsch gelagert und behandelt wird.

ShoutOutLoud engagiert sich mit dem Programm „Kein Essen für die Tonne“ mit unterschiedlichen Aktionen, mehr Bewusstsein für das Thema in der Bevölkerung zu schaffen. Ihr wollt mehr Infos über unsere Projekte? Dann schaut vorbei: http://shoutoutloud.eu/programme/kein-essen-fuer-die-tonne/ Und wenn ihr selbst aktiv werden wollt, Tipps und Ideen für uns habt oder einfach Feedback geben wollt, schreibt uns: info@shoutoutloud.eu – wir freuen uns auf eure Post.

Quellen:

Posted on 12. Januar 2015 in Kein Essen für die Tonne, Newsletter Leitartikel

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About the Author

Initiatorin & Mitgründerin von SOL. 1985 in Hessen geboren, Master in Supply Chain Management, derzeit Promotionsstudentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule Fulda im Bereich Humanitäre Logistik am HOLM - House of Logistics and Mobility in Frankfurt. Motivation: Es gibt zu viele Probleme auf der Welt, um wegzuschauen oder sich einfach immer nur darüber zu beschweren. Wenn man mit einer Situation nicht zufrieden ist, muss man aufstehen und sie ändern!
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