Eine Welt zwischen Überfluss und Mangel – Teil 4

Wie die Lebensmittelverschwendung mit dem Hunger zusammenhängt

Dies ist Teil 4 unserer 6-teiligen Serie zum Thema Lebensmittelverschwendung. Die Serie soll Aufschluss zwischen dem Überkonsum der Industrieländer und dem Leid vieler Menschen in Entwicklungsländern geben.

Falls ihr den ersten und/oder zweiten Teil verpasst habt: Hier könnt ihr Teil 1, hier Teil 2  und hier Teil 3 nachlesen.

Dieser Artikel fasst ein Interview zum Thema Lebensmittelverschwendung mit dem Schichtleiter eines Discounters im Rhein-Main Gebiet zusammen, welcher darum gebeten hat, anonym zu bleiben.

Discounter und der Umgang mit Lebensmitteln

Deutschlands Bürger lieben billiges Essen – das zeigt sich auch am Marktanteil der Discounter. Mit 44% liegen sie auf einer Höhe mit Supermärkten wie Rewe und Edeka. Da der Markt so stark umkämpft ist und Margen im Food-Bereich teilweise sehr niedrig sind, trimmen die Discounter sämtliche Prozesse auf Effizienz und Gewinn. So ist es für die Supermärkte selbstverständlich auch ihre Verluste so gering wie möglich zu halten, denn nicht verkaufte Ware bringt kein Geld.

Wie geht der Discounter mit dem Thema Warenverfügbarkeit um? Welche und wie viele Lebensmittel werden tatsächlich pro Tag entsorgt und warum? Wie behandelt er den Kunden und vor allem, wie behandelt der Kunde die Ware? Wir sind der Sache auf den Grund gegangen und haben zu dem Thema Lebensmittelverschwendung den Schichtleiter eines Discounters im Rhein-Main Gebiet befragt.

Seiner Aussage nach ist das Hauptproblem tatsächlich der Kunde und nicht der Markt. Denn auch wenn der Markt versucht, eine hohe Warenverfügbarkeit zu garantieren, geschieht dies nicht um jeden Preis. Mit präzise geführten Listen zu Abverkäufen, die Besonderheiten, wie bestimmte Wochentage und Feiertage berücksichtigen, wird neue Ware bestellt – lieber ein Produkt ist einmal eher ausverkauft als das zu viel davon weggeworfen werden muss. Verschiedene Kennzahlen zeigen auf, wie hoch die Abschriften pro Tag und Artikel waren. Sind sie zu hoch, wird von der Zentrale auch mal nachgehakt – sind sie jedoch zu niedrig, liegt die Wahrscheinlichkeit nahe, dass die Warenverfügbarkeit doch zu gering ist, was sich wiederum negativ auf den Umsatz und die Zufriedenheit der Kunden auswirken kann.

Brot und Brötchen, beispielsweise, werden 3 Mal täglich frisch im Laden aufgebacken. Abends sollte wenigstens ein Teilsortiment noch verfügbar sein, auch wenn es für das Unternehmen durchaus vertretbar ist, nicht mehr alle Sorten bereitzustellen. Brot vom Vortag wird zum halben Preis angeboten – das freut den Kunden und senkt die Lebensmittelverluste. Obst, Gemüse und Blumen werden auch zunächst zu 50% reduziert bevor sie weggeworfen werden, abgesehen natürlich von verdorbener Ware. Ware mit dem Mindesthaltbarkeitsdatum wird 7 Tage vor Ablauf um 30% reduziert, sodass auch hier die Verluste minimiert werden. Laut unserem Discounterexperten lässt sich so der Lebensmittelmüll um ein Vielfaches reduzieren, was auch viele Mitarbeiter freut. Seinen Beobachtungen nach hat sich auf diese Weise in den letzten Jahren viel getan, doch es gibt nach wie vor zwei Faktoren, die einen beträchtlichen Teil der Lebensmittelverschwendung im Handel verursachen: Unsinnige Marketingaktionen und der Kunde.

Marketingaktionen werden von der Zentrale vorgegeben – neue Artikel werden in großer Stückzahl geliefert, die dann extra beworben werden. Oft sind die Abverkäufe aber trotz Marketingaktivitäten gering, sodass die Reste zu Ladenhütern werden und auch mal zu großen Mengen entsorgt werden müssen. Angebot und Nachfrage sind in solchen Fällen also nicht aufeinander abgestimmt.

Doch ein noch viel größerer Anteil an der täglichen Menge weggeworfener Lebensmittel hat der Kunde aufgrund seiner Unachtsamkeit zu verantworten:

Oft zu beobachten ist beispielsweise, dass Kunden Lebensmittel aus Tiefkühl- oder Kühlregalen nehmen und sich noch während des Einkaufs überlegen, das Produkt doch nicht zu kaufen. Anstatt das Produkt wieder zurückzulegen, wird es dort abgelegt, wo sich der Kunde gerade befindet. Dieses Verhalten hat zur Folge, dass die Kühlkette unterbrochen wird und nicht mehr gewährleistet werden kann, dass das Produkt sicher ist – die Ware muss entsorgt werden.

Jede Filiale stellt für den Kunden eine Brotschneidemaschine bereit, damit er sein Brot direkt im Laden in Scheiben schneiden kann. Frisch gebackenes noch warmes Brot ist weicher als kühles und zerreißt schnell. Manche Kunden schneiden sich so lange neue Brote auf bis eins nicht mehr zerreißt. Die zerrissenen Brote werden achtlos zur Seite gelegt – natürlich müssen auch die entsorgt werden.

Obst und Gemüse ist nicht immer abgepackt. Oft wird es in großen Kisten bereitgestellt, aus denen sich die Kunden bedienen können. Unachtsam wühlen die Kunden über den Tag verteilt in der Frischware und suchen sich die schönsten Früchte heraus. Abends müssen die Mitarbeiter dann drastisch aussortieren, da der Qualitätsverlust der Ware enorm ist.

Unser Gesprächspartner schätzt den Anteil der Lebensmittelverluste aufgrund dieses Verhaltens auf 60-70%. Die Gesamtmenge der Lebensmittelverschwendung schätzt er für seine Filiale auf eine halbe Euro-Palette pro Tag, also ungefähr einem drei Viertel Kubikmeter. Hochgerechnet bedeutet das bei ungefähr 300 Betriebs-Tagen im Jahr eine Gesamtmenge von 225 m³ verschwendeter Lebensmittel pro Filiale, rund 3,2 LKW voll (Beispiel „normaler“ Sattelzug mit Volumen von ca. 70 m³). Laut EHI Retail Institute gibt es in Deutschland 16.393 Discounter (und 10.505 Supermärkte; Stand 2012), was unter der Annahme, dass der Verlust pro Filiale im Schnitt pro Tag 0,75 m³ beträgt, eine Gesamtverschwendung von 3.688.425 m³ für alle Discounter (inkl. Supermärkte: 6.052.050 m³) oder auch über 52.692 LKW (inkl. Supermärkte: 86.458 LKW) pro Jahr verursacht. Um es sich besser vorzustellen: Diese Anzahl an LKW könnten auf ca. 484 Fußballfeldern parken, würden sie eng nebeneinander stehen. Auch wenn beispielsweise der Discounter bei dem unser Interviewpartner arbeitet eine Biogasanlage betreibt und die entsorgten Lebensmittel somit wenigstens noch zur Energiegewinnung genutzt werden, ist das Ausmaß dieser Verschwendung beträchtlich. So werden die Lebensmittel nicht nur aufwendig produziert, was den Einsatz von Wasser, Dünger, Saatgut, Erde und Arbeitskraft (u.v.m.) für den Anbau benötigt, oft müssen auch noch weite Strecken zurückgelegt werden, bis die Ware im Supermarkt ist. Werden sie dann nicht verkauft, wird nochmals der Einsatz von LKW, Treibstoff und Arbeitskraft benötigt, was nicht nur Unmengen an ausgestoßenem CO2 verursacht sondern auch unsere Straßen verstopft.

Kein Supermarkt wird anfangen, seine Kunden zu erziehen – zu groß ist die Angst, der Kunde könne zum Konkurrenten abwandern. Auch wird sich der Handel nie darauf einigen, den Kunden gemeinsam zu weniger Warenverfügbarkeit umzuerziehen und auch von der Politik ist – dank starker Lobbyarbeit – nicht zu erwarten, dass sie neue (harte) Gesetze gegen die Lebensmittelverschwendung verabschieden oder Strafen auf zu viel Müll verhängen. Die einzige wirksame und realistische Maßnahme scheint also die Aufklärung der Kunden zu sein – sowohl in Bezug zum Verhalten beim Einkaufen also auch zu Hause. Vielen Menschen sind die Konsequenzen ihres Handelns einfach nicht bewusst, da sie nicht darüber nachdenken. Aufklärung hingegen kann viel bewirken, denn es zeigt den Menschen auf, was sie tatsächlich mit ein bisschen Umdenken selbst bewirken können und wie viel Macht in jedem von uns steckt, sofern wir uns dessen bewusst sind und zu nutzen wissen.

 

Und das erwartet euch in Teil 5: Nachdem wir die gesamte Supply Chain (Lieferkette) der Lebensmittel beleuchtet haben, geht es in diesem Teil um das letzte Glied: den Konsumenten. Was kann man selbst tun, um die Lebensmittelverschwendung im eigenen Haushalt zu reduzieren? Denn immerhin schmeißt laut einer von der Bundesrepublik in Auftrag gegebenen Studie jeder deutsche Bürger 82 kg an Lebensmitteln in den Müll – es gibt also mind. 82 gute Gründe, sein eigenes Verhalten zu beobachten und ggf. zu überdenken. Wie einfach das gehen kann, möchten wir euch in Teil 5 unserer Artikelreihe zeigen.

ShoutOutLoud engagiert sich mit dem Programm „Kein Essen für die Tonne“ mit unterschiedlichen Aktionen, mehr Bewusstsein für das Thema in der Bevölkerung zu schaffen. Ihr wollt mehr Infos über unsere Projekte? Dann schaut vorbei: http://shoutoutloud.eu/programme/kein-essen-fuer-die-tonne/ Und wenn ihr selbst aktiv werden wollt, Tipps und Ideen für uns habt oder einfach Feedback geben wollt, schreibt uns: info@shoutoutloud.eu – wir freuen uns auf eure Post.

Quellen:

http://www.ehi.org/presse/pressemitteilungen/detailanzeige/article/mehr-supermaerkte-weniger-discounter.html

http://www.logistik-pro.de/content_daten_wide.php?id=2

Posted on 1. März 2015 in Featured Post, Kein Essen für die Tonne, Newsletter Leitartikel, Uncategorized

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About the Author

Initiatorin & Mitgründerin von SOL. 1985 in Hessen geboren, Master in Supply Chain Management, derzeit Promotionsstudentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule Fulda im Bereich Humanitäre Logistik am HOLM - House of Logistics and Mobility in Frankfurt. Motivation: Es gibt zu viele Probleme auf der Welt, um wegzuschauen oder sich einfach immer nur darüber zu beschweren. Wenn man mit einer Situation nicht zufrieden ist, muss man aufstehen und sie ändern!
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