Wie die Lebensmittelverschwendung mit dem Hunger zusammenhängt – Teil 5

Dies ist Teil 5 unserer 6-teiligen Serie zum Thema Lebensmittelverschwendung. Die Serie soll Aufschluss zwischen dem Überkonsum der Industrieländer und dem Leid vieler Menschen in Entwicklungsländern geben.
Falls ihr einen vorherigen Teil verpasst habt: Hier könnt ihr Teil 1, Teil 2, Teil 3 und Teil 4 nachlesen.

Konsum & Haushalt: Was wir selbst gegen die Lebensmittel-verschwendung tun können?

Wie viel Zucker wird auf der Welt eigentlich aufgrund des Verkaufs von Tee und Kaffee in Cafés und Restaurants weggeworfen – nur weil er in Form von Würfeln auf der Untertasse liegt oder die Menge in den Zuckertütchen zu groß ist? Wie viel Brot, das in Restaurants bereitgestellt wird, landet eigentlich im Müll? Und wie viele Tonnen Chips und Nüsse, die in Pubs und Kneipen zu finden sind, werden jährlich entsorgt?

Eine britische Studie von WRAP fand heraus, dass insgesamt 27% aller Gäste Lebensmittel übriglassen, wenn sie auswärts essen. Drei Fünftel aller befragten Personen gaben an, dass sie sich darüber keine Gedanken machen würden. Britische Pubs, Restaurants, Take-away Restaurants sowie Hotels sammeln pro Jahr ca. 600.000 Tonnen Müll an, der größte Teil geht auf das Konto übriggebliebenen Essens auf den Tellern (Stand 2012; alle Angaben beziehen sich auf UK).

Doch nicht nur unterwegs, auch zu Hause achtet der Mensch viel zu selten auf seine Nahrungsmittel, sodass viele Produkte im Kühlschrank vergessen werden und somit vergammeln, nicht richtig gelagert werden, unschön geworden sind oder weggeworfen werden, weil man keinen Appetit mehr darauf hat. Wer weiß denn heute noch, wie ein Lebensmittel am besten gelagert werden muss oder wie es aussieht, wenn es wirklich verdorben ist? Fehlendes Wissen in Bezug zu richtigem Verpacken, Kühlen, Lagern von gekochten Lebensmitteln und dem Weiterverwenden von Resten führen zu hohen Verlusten in den Haushalten – laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) wirft ein Deutscher ca. 82 kg pro Jahr an Lebensmitteln weg, was einem Warenwert von über 300 € entspricht. Es gibt also mind. 82 gute Gründe, sein eigenes Verhalten zu beobachten und ggf. zu überdenken.

Doch was kann man als Verbraucher denn nun tun, um mitzuhelfen, die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren?

Zunächst die schlechte Nachricht: Viel zu viele Akteure schlagen Kapital aus der Verschwendung und der Überproduktion der Lebensmittel, sodass ihnen an einer Lösung der Problematik nicht gelegen ist. Aufgrund von hohen Verlusten und hoher Verschwendung wird permanent die Nachfrage angekurbelt für:

– Samen, Dünger, Land, Wasser und andere Inputfaktoren für die Produktion

– Verpackungen, Verpackungsmaterial, Plastiktüten etc., welche zum Verpacken der Lebensmittel benutzt werden

– Transportmittel (Lkw und Fahrer), welche für die Distribution der Produkte benötigt werden

– Lagerhäuser für Lebensmittel, Kühlhäuser und Verarbeitungsanlagen für Lebensmittel

– Nahrungsmittel aller Art für Groß- und Einzelhändler, Restaurants, Cafés, Fast Food Restaurants etc.

Die Frage ist also, warum sollte sich etwas ändern, wenn so vielen unterschiedlichen Interessensparteien daran gelegen ist, den Profit, den sie mit der Lebensmittelverschwendung erzeugen, hochzuhalten? Die Antwort und gleichzeitig die gute Nachricht lautet:
Weil wir – die Verbraucher – es so wollen!

Zum einen ist es wichtig, dass wir das Thema langfristig angehen und immer wieder mit den Einzelhändlern, der Politik und den Unternehmen in Kontakt treten und sie auffordern, etwas zu ändern. Zum anderen können wir mit ein paar Verhaltensregeln dafür sorgen, dass bei uns persönlich die Verschwendung reduziert wird:

Auswärts essen:
Bekommt man in einem Restaurant zu viel Essen, kann man sich die Reste immer einpacken lassen oder am besten gleich seine eigene Dose mitbringen – das spart auch noch Verpackungsmüll. Das BMEL bewirbt hierfür die Aktion „Restlos genießen“ von der Umweltorganisation Natuur & Milieu, die 15.000 kompostierbare „Beste-Reste-Boxen“ an Restaurants verteilen.

reste-box1NEUQuelle: www.zugutfuerdietonne.de

Mindesthaltbarkeitsdatum:
Beim Einkaufen kann man darauf achten, dass man auch mal Lebensmittel einkauft, die kurz vor dem Ablaufen sind – vor allem, wenn man weiß, dass man sie eh bald essen wird. Auch kann man im Supermarkt nachfragen, was mit den Lebensmitteln passiert, die bald am Ablaufen sind und – wenn diese weggeworfen werden – ob sich das nicht gemeinsam ändern lässt. Eine gute Antwort bietet hier das Foodsharingnetzwerk (www.foodsharing.de), eine Internetplattform, auf der man leicht die Rettung von Lebensmitteln mit anderen Leuten organisieren kann (Achtung: MhD nicht mit dem Verbrauchsdatum („Zu verbrauchen bis…“ verwechseln – diese Lebensmittel lieber entsorgen).
Wir machen derzeit dauernd Selbsttests: Beispielsweise ist unsere Sojamilch auch nach 8-monatigem Ablauf des MhDs noch genießbar – sie ist nur leicht körnig geworden, ein Zustand, den man aber mit einem Mixer ganz schnell wieder ändern kann.
Milchprodukte sind i.d.R. auf jeden Fall 1-2 Wochen länger haltbar, durchaus auch mind. 1 Monat.
Bei Trockenprodukten passiert i.d.R. gar nichts, vor allem nicht, wenn sie eingeschweißt sind. Die beste Regel ist eh: schauen, riechen, schmecken – was diesen Test besteht, ist meistens noch sehr gut genießbar.

Einkauf planen:
Kauft man öfters und somit weniger ein als stets auf Vorrat, fallen i.d.R. weniger Reste an und es muss weniger weggeworfen werden. Eine Einkaufsliste schreiben und nicht hungrig einkaufen gehen, hilft zusätzlich nur das zu kaufen, was man wirklich benötigt.

Das „Ganze“ nutzen:
Auch Gemüseschalen können genutzt werden, bspw. um Gemüsebrühe herzustellen. Einfach Gemüseschalen sammeln und im Kühlschrank oder Gefrierfach zwischenkühlen und dann lange mit Kräutern und Gewürzen zu einem konzentrierten Sud kochen. Den Sud in Eiswürfelbehälter abfüllen und einfrieren.
Möchte man Huhn essen, am besten ein ganzes Tier kaufen und zu unterschiedlichen Gerichten verarbeiten – Knochen und Reste passen perfekt in eine Suppe. Man kann sich auch beim Metzger erkundigen, welche Teile er einkauft und wie er die unterschiedlichen Tierbestandteile verarbeitet.

Lagern und Umgang mit Lebensmitteln:
Kartoffeln und Zwiebeln müssen kühl und dunkel gelagert werden, damit sie möglichst lange halten. Neue Vorräte sollten nach hinten ins Regal gestellt werden, damit die älteren zuvor benutzt werden. Versieht man Lebensmittel, die man einfriert, mit Namensschild und Datum, weiß man immer, wann was eingefroren wurde. Sortiert man angeschlagenes Obst und Gemüse gleich aus (und verarbeitet es, wenn es noch genießbar ist, sofort weiter), werden gesunde Lebensmittel nicht angesteckt. Marmeladen und andere sehr zuckerhaltige Lebensmittel braucht man nicht wegzuwerfen, wenn sich Schimmel gebildet hat – es reicht, den Schimmel großzügig zu entfernen. Auch Käse am Stück kann man unter Wasser und mit einem weichen Handtuch leicht reinigen, ohne den Käse wegwerfen zu müssen (auf die Farbe des Schimmels achten – grüner Schimmel ist nie gut). Lauch, Kräuter und Salat kann man in einem Glas mit Wasser aufbewahren – so sieht man seinen Lauch sogar noch wachsen.
Hat man Lebensmittel übrig, die noch gut sind, die man aber nicht mehr essen möchte, kann man sich erkundigen, ob es in der Stadt einen sog. „Fair-Teiler“ gibt. In Frankfurt gibt es schon 2 – einen im Frankfurter Garten im Ostend und einen am Campus Westend (2. Stock – TUCA Café; der nächste wird bald am Glück ist jetzt im Baumweg aufgestellt).
Wölben sich Konservendosen, muss man sie entsorgen. Dafür kann man bei eingemachten Lebensmitteln gut prüfen, ob sie noch gut sind, in dem man sie in Wasser legt und schaut, ob Luftblasen aufsteigen. Steigen keine Luftblasen auf, sind die Lebensmittel definitiv noch gut. Offenen Joghurt kann man einfach umrühren, um ihn wieder cremig zu machen.
Um zu erfahren, wie alt ein Ei ist, legt man es in ein Glas mit salzhaltigem Wasser (1/4 l Wasser, 30 g Salz). 14 Tage alte Eier schwimmen in der Mitte, ältere oben, jüngere bleiben auf dem Boden liegen. Ältere Eier sind leichter, da sich im Inneren ein luftgefüllter Raum gebildet hat.

Es gibt viele Kniffe und Tricks, wie man Lebensmittel besser lagern und länger haltbar machen kann. ShoutOutLoud startete im März 2015 dazu die SOL-Küchen (zum Thema Kohl), bei der bestimmte Lebensmittel in den Vordergrund gestellt werden, um zu lernen wie man sie am besten aufbewahrt, zubereitet und was dahinter steckt. Wichtig dabei ist, das Wissen der SOL-Küchen-Gäste in die Kurse zu integrieren, denn wir glauben, dass jeder Kenntnisse hat und mit den anderen teilen kann.
Außerdem entwickeln wir gerade zusammen mit der Genusswolke (Manufaktur aus Offenbach) ein „Kein Essen für die Tonne“-Etikett, welches Lebensmittelproduzenten nutzen können, sofern sie mit „geretteten“ Lebensmitteln neue, haltbare Speisen herstellen oder sich anderweitig mit spezifischen Produkten gegen die Lebensmittelverschwendung einsetzen.
Tipps, Tricks und Ideen für Gerichte aus Resten findet man u.a. hier: https://www.zugutfuerdietonne.de/was-kannst-du-dagegen-tun/besser-essen/rezepte-fuer-reste/, www.lovefoodhatewaste.com oder http://restegourmet.de/.

Aber auch das Durchstöbern von Omas alten Haushaltsbüchern oder neuen Haushaltsbüchern, wie „Arnika und Bohnerwachs“ von Rita Falk macht Spaß, wenn man sich mit dem Weiterverarbeiten und Haltbarmachen von Früchten und Gemüse sowie der Ernährung mit saisonalen und regionalen Lebensmitteln beschäftigen möchte.

Mit ShoutOutLoud wollen wir dieses Jahr auf Gärtner und Baumbesitzer zugehen, um gemeinsam zu ernten und zu verarbeiten, was sonst an Busch und Baum hängen oder auf dem Beet liegen bleiben würde. Wenn ihr also im Rhein-Main Gebiet Bäume, Büsche oder Beete habt, die nicht abgeerntet werden oder jemanden kennt, bei dem viel übrig bleibt, schreibt uns an (info@shoutoutloud.eu)!

Und das erwartet euch in Teil 6: Nachdem wir nun die gesamte Supply Chain (Lieferkette) inkl. Konsumenten durchgegangen sind, wollen wir uns die Lebensmittelverschwendung und den globalen Umgang mit endlichen Ressourcen anschauen. In vielen Ländern wird wahnsinnig viel verschwendet. Auch wenn es nicht immer Lebensmittel sind, werden viele unserer (natürlichen) Ressourcen mit Füßen getreten. Doch „dürfen“ wir (Bewohner von Industrieländern) dies in Frage stellen oder kritisieren?

ShoutOutLoud engagiert sich mit dem Programm „Kein Essen für die Tonne“ mit unterschiedlichen Aktionen, mehr Bewusstsein für das Thema in der Bevölkerung zu schaffen. Ihr wollt mehr Infos über unsere Projekte? Dann schaut vorbei: http://shoutoutloud.eu/programme/kein-essen-fuer-die-tonne/. Und wenn ihr selbst aktiv werden wollt, Tipps und Ideen für uns habt oder einfach Feedback geben wollt, schreibt uns: info@shoutoutloud.eu – wir freuen uns auf eure Post.

Quellen:
www.lovefoodhatewaste.com
http://restegourmet.de/
http://www.wrap.org.uk/sites/files/wrap/OOH%20Report.pdf
https://www.zugutfuerdietonne.de/warum-werfen-wir-lebensmittel-weg/wie-viel-werfen-wir-weg/
https://www.zugutfuerdietonne.de/neuigkeiten/schon-gewusst/artikel/beste-reste-box-setzt-sich-durch/
www.foodsharing.de

Posted on 7. April 2015 in Featured Post, Kein Essen für die Tonne

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About the Author

Initiatorin & Mitgründerin von SOL. 1985 in Hessen geboren, Master in Supply Chain Management, derzeit Promotionsstudentin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Hochschule Fulda im Bereich Humanitäre Logistik am HOLM - House of Logistics and Mobility in Frankfurt. Motivation: Es gibt zu viele Probleme auf der Welt, um wegzuschauen oder sich einfach immer nur darüber zu beschweren. Wenn man mit einer Situation nicht zufrieden ist, muss man aufstehen und sie ändern!
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